11.09.2012

Operation durchs Schlüsselloch bald in Rottenburg

Prof. Reinhard Bittner gilt als Wegbereiter der modernen „Schlüsselloch-Chirurgie“ bei Leistenbruch- und Gallen-Operationen. Er und sein langjähriger Mitarbeiter Jochen Schwarz wollen am Winghofer Medicum ein Zentrum für solche Eingriffe aufbauen.

 

Rottenburg. Reinhard Bittner war von 1990 bis 2008 Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie im Stuttgarter Marienhospital. Bei seinem Abschied wurde er als „einer der Wegbereiter der modernen ,Schlüsselloch-Chirurgie‘, insbesondere bei Leistenbruch- und Gallen-Operationen“ gepriesen. Über 15.000 Mal operierten er und seine Mitarbeiter am Marienhospital laparoskopisch Leistenbrüche, senkten damit Aufenthaltsdauer und -kosten um acht bis zehn Krankenhaustage und reduzierten Schmerzen und Komplikationen. Das Marienhospital ist die Klinik mit den weltweit meisten Leistenbruch-OPs nach dieser Methode.

 

Demonstrations-OPs und Qualitätssicherung

Als Pionier gilt Bittner auch deshalb, weil er durch internationale Lehr- und Vortragstätigkeit weltweit zur Verbreitung der Methode beitrug und zahlreiche internationale Auszeichnungen dafür erhielt. Er selbst bezeichnet sich als „Missionar“ auf dem Gebiet der Laparoskopie. Bisher würden 48 Prozent aller Leistenbruch-OPs laparoskopisch durchgeführt, erzählte er, doch möglich seien bis zu 90 Prozent. Es fehle jedoch an der Expertise in dieser neuen Technik. „Es ist etwas ganz anderes, einen Leistenbruch von außen oder von innen zu operieren“, erklärte Bittner. Auch erfahrene Chirurgen müssten die Technik neu erlernen. Sein Können und Wissen habe er stets in Workshops oder bei Demonstrations-OPs weitergegeben. Auch mit dem Aufbau von Datenbanken und der Entwicklung von Standards zur Qualitätssicherung habe er mikroinvasiven Operationen zu mehr Akzeptanz verholfen.

Nach seinem Ausscheiden als Ärztlicher Direktor arbeitete Bittner weiterhin als Operateur. Mit Jochen Schwarz, seinem Oberarzt im Marienhospital, baute er in den vergangenen zwei Jahren das Hernienzentrum (Hernie bedeutet Eingeweidebruch) der EuromedClinic Fürth auf, einer der größten Privatkliniken Deutschlands, wo Leisten-, Nabel- und Narbenbrüche qualitätsgesichert behandelt werden. „Wir sind seit über 20 Jahren eine Arbeitseinheit in der Bruchbehandlung“, sagte Bittner über sich und seinen Partner Schwarz.

 

Seit über 20 Jahren eine Arbeitseinheit

Den Wechsel der „Arbeitseinheit“ von der Pegnitz an den Neckar begründete Jochen Schwarz gegenüber dem SCHWÄBISCHEN TAGBLATT mit persönlichen Motiven: Seine Frau sei in Rottenburg niedergelassene Fachärztin für Psychotherapie, er und seine Familie wohnten hier, und die Arbeitsbedingungen in Fürth hätten nicht den in Aussicht gestellten Möglichkeiten entsprochen. So habe er die zufällige Chance zu einem Wechsel an die Winghofer-Klinik sogleich ergriffen.

Als Team wie bisher wollen Schwarz und Bittner das „Hernienzentrum Rottenburg“ zusammen aufbauen. Drei Tage in der Woche werde er noch selbst am OP-Tisch stehen und Sprechstunden halten, versprach Bittner, der in diesem Jahr 70 wurde. Helmut Röhner, einer der drei Gründer der Winghofer-Klinik, geht davon aus, dass Bittner am Aufbau des Zentrums noch mindestens zwei, drei Jahre aktiv beteiligt ist, bevor ein Nachfolger gesucht werden muss. Aus seiner Sicht soll Bittner auch für die Qualitätssicherung sorgen und mit Vorträgen zur Popularisierung der „Schlüsselloch-Chirurgie“ beitragen.

Info Eine Informationsveranstaltung des neuen Hernienzentrums findet am Dienstag, 16. Oktober, um 19 Uhr im Winghofer Medicum statt.

 

Die Vorteile der laparoskopischen Operationsmethode bei Leistenbrüchen

Kleinere Schnitte und Verletzungen, weniger Schmerzen für Patienten, kürzere Krankenhausaufenthalte sind auf einen Blick die Vorteile der laparoskopischen Operationsmethode. Dabei werden die Operationsinstrumente durch zwei kleine Schnitte in die Bauchhöhle geschoben. Durch einen dritten wird eine kleine Kamera eingeführt, mit der jeder Operationsschritt beobachtet werden kann.

Bei Leistenbrüchen beispielsweise wird ein zehn Mal fünfzehn Zentimeter großes Netz von innen über den Riss im Leistengewebe gelegt, dieser so „repariert“. Laut Prof. Bittner verteilt sich auf diese Weise der Druck im Bauch – meistens die Ursache des Risses – besser auf die Bauchdecke als bei der herkömmlichen Operationsmethode: Bei dieser wird der Riss von außen durch einen großen Schnitt genäht, geklammert und mit einem Netz oder einer Platte unterstützt.

Über 200 000 Leistenbruch-OPs werden im Jahr in Deutschland durchgeführt. Bei einer Krankenhausaufenthaltsdauer von acht bis zehn Tagen bei der herkömmlichen Methode ließe sich viel sparen: In der Regel können die Patienten nach einer laparoskopischen OP schon am nächsten Tag die Klinik verlassen.

 

 

Quelle